Es gibt kein Leben, was immer nur angenehm und leicht ist. Leben hat immer Jahreszeiten, die Hitze des Sommers und die Dunkelheit des Winters (aus mitteleuropäischer Perspektive gesprochen). Es ist wie Flüsse oder Ozeane, es gibt Stromschnellen, Wellen, Fluten, Gezeiten und Stürme.
Für viele Menschen scheint es ein gutes Lebensziel zu sein, diesen unsteten Naturgewalten nicht ständig ausgesetzt zu sein. Sie wollen Kontrolle und Stabilität im Leben. Ein verständliches Ziel. Man versucht, sich im Leben etwas „Äußerlichen“ aufzubauen -etwas, was Halt und Sicherheit geben kann. Damit ist oft die Hoffnung verbunden, ein stabiler Zustand würde für immer glücklich und zufrieden machen. Doch wir selbst sind auch Teil der Natur und die Bewegung der Meere und Jahreszeiten lebt in gewisser Weise auch in uns selbst. Wenn „stabile Zustände“ das Fließen mit dem Leben (z.B. Veränderungen, die nötig wären) verhindern, können sie auch zum Gefängnis werden. Sie bilden dann eine Staumauer in uns, hinter der sich „Wassermassen“ aufstauen und Druck erzeugen. Druck, den wir dann auch ganz real in uns fühlen. Kleine Nebenbemerkung: Es gibt auch Menschen, die von ihrem Wesen her grundsätzlich keine Zufriedenheit in „äußerlichen Sicherheiten“ finden können, weil heutzutage damit oft auch Selbstausbeutung bis hin zu Selbstaufgabe verbunden ist.
Manche stecken Jahrelang in solchen festgefahrenen Zuständen und leiden beständig, weil sie keinen Ausweg finden. Das Leiden kann dabei unbewusst oder subtil empfunden werden oder aber auch akut und bewusst erlebt werden. Letztlich kann Ignoranz und Untätigkeit im Angesicht von Problemen in psychische oder körperliche Erkrankungen münden. Ein letzter Weckruf für die Seele. Manchmal gibt das Leben aber auch noch andere Chancen, die eigenen Fesseln zu sprengen. Krisensituationen, die aus dem alltäglichen Trott herausreißen und uns so aus der gewohnten Komfortzone stoßen, sind so etwas wie eine zur Hilfe ausgestreckte Hand des Schicksals.
Wenn wir diese Hand ergreifen, haben wir die Chance, die Mauern des inneren Gefängnisses einzureißen oder eine Tür zu öffnen, die uns einen neuen Weg eröffnet. In einer solchen Situation an alten Mustern festzuhalten, weil es am bequemsten ist, oder einfach wegzuschauen, ist, als würde man nicht zum Arzt gehen, wenn man sich krank fühlt, weil man Angst hat, der Arzt könnte die Ursache finden. (Es gibt durchaus Menschen, die genau das tun). Die Ursache kann tatsächlich schockieren und eine Therapie kann eventuell anstrengend werden oder einen ungewissen Ausgang haben. Und doch wäre der Rat eines Coaches immer: Schau hin, nutze die Chance! Es lohnt sich.
Im Winter 2025 haben mich Fragen über meinen weiteren Weg und herausfordernde äußere Umstände dazu bewegt, für 6 Wochen zu einer Art Retreat in den Norden von Island zu reisen. Das Verlassen des gewohnten Umfeldes, das Herausgerissen-werden aus dem gewohnten Alltag, die Abgeschiedenheit jenseits von Dörfern und Städten, das beschwerliche tägliche Wandern auf vereisten Wegen und verharschtem Schnee hatte eine Wirkung. Es war eine anstrengende Zeit und niemand in meinem Umfeld hat wirklich verstanden, wie ich sowas machen kann („Du bist doch verrückt, im Winter nach Island zu reisen“) Tatsächlich war die Anreise durch Flug- und Busausfall wegen Sturm und unbefahrbarer Straßen mehrfach behindert und ich habe meine Zeit dort nicht unbedingt als entspannend, sondern eher als herausfordernd empfunden. Aber es geht im Leben auch nicht darum, dass alles immer „einfach“ sein muss, um sinnvoll zu sein. Wenn der Lärm des Alltags zu laut geworden ist, um noch Antworten hören zu können, muss man sich manchmal aufmachen, das Auge des Sturms zu finden.







